„Für einen Moment dachte ich, dass ich gar nicht schieße“
Bogensport Magazin



Von Anna Lena Gangluff
Leseprobe aus dem BOGENSPORT MAGAZIN 6/2024
Sie ging als einzige deutsche Parabogenschützin in Paris an den Start, die 26-jährige Flora Kliem. Im Interview mit unserer Autorin Anna Lena Gangluff verrät die sympathische Sportlerin, welche Ängste sie während ihrer ersten Schüsse auf paralympischen Grund begleiteten, wie sie mit Kritik in den sozialen Netzwerken umgeht, und bewertet dabei erfrischend ehrlich und selbstkritisch ihre Leistung. Die beiden sprachen Mitte Oktober miteinander.
Liebe Flora, herzlichen Glückwunsch zu deiner Teilnahme an den Paralympischen Spielen und zu deinem neunten Rang! Wie schaust du heute, mit ein paar Wochen Abstand, auf die Paralympics zurück? Was hat sich seitdem in deinem Leben getan?
Flora: Es hat sich ganz viel getan – und irgendwie auch gar nichts. Einerseits komme ich gerade wieder in meinem Alltag an, gehe in die Uni, und alles läuft wie vorher auch. Aber auf der anderen Seite hatte ich in den vergangenen Wochen auch ganz viele Termine, habe bekannte Politiker getroffen oder wurde beispielsweise auch Sportstipendiatin des Jahres. Das sind teilweise schon wirklich surreale Dinge für mich, und es war vorher nicht denkbar, solche Dinge zu erleben. Ich bin auch mit sehr vielen Athleten aus dem deutschen Team noch im Austausch, die ich vorher gar nicht kannte. Wir haben bei den Paralympics vor Ort oft gemeinsam Sachen unternommen. Diese Kontakte sind einfach ganz toll und wertvoll, weil ich oft alleine als Sportlerin unterwegs bin, und nun habe ich ein Erlebnis, das ich mit anderen teilen kann. Das ist einfach schön!
Wie haben dir der Wettkampf und die Gegebenheiten vor Ort in Paris gefallen? Und natürlich: wie ist deine Meinung zu den berühmten Papp-Betten?
Flora: Die Betten waren grausam! Ich dachte wirklich, dass die ganzen Olympioniken übertreiben, so schlimm können die Betten gar nicht sein. Doch ich habe die erste Nacht darauf geschlafen, mein Rücken ist ja auch nicht ganz gesund, und richtig starke Rückenschmerzen bekommen. Das deutsche Team hat dann auch wirklich schnell die Matratze ausgetauscht, weil es so einfach nicht ging. Das Bettgestell an sich war ja noch okay, aber die Matratzen einfach viel zu hart. Man muss aber auch anmerken, dass diese Umstände wirklich zu Problemen geführt haben. Beispielsweise Athleten, die querschnittsgelähmt sind, mussten reihenweise die Matratzen austauschen, weil einfach die Gefahr, Druckstellen zu bekommen, sehr hoch ist. Das kann gerade bei diesen harten Untergründen passieren, ohne dass man es merkt, und das ist einfach gefährlich.
Das Pendeln zwischen dem Paralympischen Dorf und dem Wettkampffeld fand ich okay – wenn der Bus leer war. Persönlich empfand ich es als sehr anstrengend, wenn der Bus auch mal voll war. Es war laut, man wusste nicht, wohin mit seinen ganzen Sachen, und alles war einfach eng. Wenn ich aber einen leeren Bus erwischte, konnte ich das nutzen, um Musik zu hören und abzuschalten. Ich glaube auch, dass mir persönlich das an manchen Tagen geholfen hat, weil man zwischen Training und Paralympischem Dorf Zeit hatte, um runterzukommen.
Kommen wir zum Wettkampf: Es war sehr, sehr spannend – und irgendwie auch etwas ganz anderes. Ich hatte zuvor bereits an internationalen Wettkämpfen teilgenommen, und ich konnte es mir nicht vorstellen, aber die Paralympics sind dann doch nochmal ein ganz anderes Level. Man selbst weiß, man ist jetzt gerade bei diesem sportlichen Höhepunkt, und man geht mit einem ganz anderen Gefühl in den Wettkampf. Generell muss man über mich wissen, dass ich manchmal zu Beginn ein bisschen Angst habe zu schießen, das ist auch vielen bekannt. Gerade in der Qualifikation zögere ich es lange hinaus, bis ich überhaupt den ersten Pfeil schieße. Und für einen Moment dachte ich in Paris an der Schießlinie tatsächlich, dass ich gar nicht schieße, weil ich so Angst hatte – und ja, das ist auf jeden Fall etwas, woran ich arbeiten werde. Es war nicht mal so, dass ich Angst hatte, den Schuss zu lösen, sondern alleine schon den Bogen hoch zu nehmen und den Schuss anzusetzen, hat mir Angst gemacht. Ich dachte mir nur: „Okay, irgendjemand wird schießen, aber ich werde es nicht sein“.
Als dann aber der Moment kam, in dem ich musste, weil ich auch wusste: Wenn ich jetzt nicht schieße, habe ich zu wenig Zeit und werde M’s haben, habe ich zum Glück auch geschossen. Aber für einen kurzen Moment dachte ich, dass der Druck ausreicht, dass ich nicht schießen werde
Kannst du dir erklären, woher diese Ängste beim Schießbeginn kommen?
Flora: Ich glaube, es ist eine Kombination aus verschiedenen Dingen. Ich habe das Problem mit dem späten Schießen sowieso schon länger, hatte es dann einmal raus, aber es kam in diesem Jahr zurück. Das ist also kein paralympisch-spezifisches Problem, aber es wurde durch die Paralympics in dem Moment verstärkt. Das ist jetzt ein riesengroßes Thema, und wir sind dran, etwas dagegen zu machen. Bei meinem letzten Pfeil der Qualifikation war beispielsweise auch so ein Zucken im Schussablauf, und da ich einfach davor so lange gewartet hatte, blieb keine Zeit mehr, um den Schuss nochmal abzusetzen und sauber neu aufzubauen. Letztendlich kann es sein, dass dieser Schuss es mir dann versaut hat. Natürlich ist es am Ende meine eigene Schuld, aber es ist einfach bescheuert, weil es ein Problem ist, das hausgemacht ist, also das müsste ich ja nicht haben.
Zum Glück konntest du deine Angst in dem Moment überwinden und hast, wie wir wissen, geschossen!
Flora: Ja, aber wirklich! Ich glaube auch, der ganze Wettkampf wäre nochmal anders verlaufen, wenn ich direkt in der ersten Passe ein M gehabt hätte. Damit wäre das ganze positive Gefühl weg gewesen. Wahrscheinlich hätte mich das wirklich ein bisschen zerstört. Ich meine, ich habe auch während der Quali Pfeile versetzt und teilweise nicht gut geschossen, aber das ist dann nochmal ein anderes Thema, als von vorne herein mit M’s in den Wettkampf zu starten.
Nach der Qualifikation lagst du mit 578 Ringen auf Rang 11, dein Sechzehntel-Finale hast du mit 6:2 gewonnen. Im Achtelfinale musstest du dich leider knapp mit 4:6 geschlagen geben. Wie bewertest du deine Leistung, bist du zufrieden?
Flora: Ich bin nicht ganz zufrieden und weiß, dass ich mehr kann, vor allem was die Matches betrifft. Das war eine Situation, die ich so einfach noch nicht erlebt habe. An sich kenne ich natürlich Final-Bühnen, aber nicht in solch einer Größenordnung oder mit so vielen Zuschauern – das hat mich doch einfach verunsichert.
Bei der Qualifikation ärgere ich mich insbesondere über die letzte Passe. Da hatte ich im Kopf bereits einen Haken an die Quali gesetzt, bevor die letzten Pfeile geschossen waren. Ich habe es mir damit richtig versaut, und die Passe hat mir meinen Schnitt nochmal ordentlich runtergezogen. Aber unter Berücksichtigung der Umstände und der Aufregung war die Quali schon noch in Ordnung.
In den Finalrunden war ich teilweise einfach schlecht, habe schlechte Passen geschossen, und das ärgert mich natürlich. Gerade meine letzte Passe, in der ich es selbst in der Hand hatte und eine Runde weiter hätte kommen können, ärgert mich. In dem Moment habe ich auch eine Platzierung unter den Top-8 verspielt, und daran hängt viel.
Jetzt kann ich aber nichts mehr ändern, weshalb ich versuche, das Ganze positiv zu betrachten: Ich war da und habe es erlebt. Daraus kann ich hoffentlich viel Gutes ziehen für die Zukunft, um aus einigen Fehlern zu lernen.
Während bei den Olympischen Spielen noch vier deutsche Bogensportler vertreten waren, warst du alleine. War das für dich eine zusätzliche Last, da du alle Erwartungen alleine auf deinen Schultern tragen musstest?
Flora: Ich bin es gewohnt, alleine auf Wettkämpfe zu fahren, da ich aktuell die einzige Para- Nationalkader-Athletin bin. Also ich bin die einzige im Parabereich mit eine Bundeskaderstatus. Es gibt auf Landeskaderebene noch sehr gute Schützen wie zum Beispiel Jule Lammers, von der ich hoffe und denke, dass sie es in Zukunft auch zu den Paralympics schaffen wird. Wir nehmen auch manchmal gemeinsam an Wettkämpfen teil, aber selbst dann sind wir ja noch ein sehr kleines Team. So kenne ich es, und so bin ich es gewohnt. Deshalb war es bei den Paralympics für mich eher besonders, dass ich da nicht so alleine war, weil so ein großes Team aus Ärzten, Physios und anderen Mannschaftsmitgliedern dabei war – und natürlich das ganze deutsche Team, mit verschiedensten Para-Sportlern.
Aber der Druck war schon da. Ich wusste: Wenn ich im Wettkampf schlecht abschneide, dann hat der komplette deutsche Para-Bogensport quasi „versagt“, weil es niemand anderes mehr „retten“ kann. Auf der anderen Seite kannte ich aber auch dieses Gefühl schon von vorherigen Wettkämpfen, dass ich als Einzige eben liefern muss. Daher war es gar nicht so sehr der Druck von außen, sondern eher von mir selbst.
Kurz vor den Spielen wurde deine Vorbereitung durch einen Treppensturz beeinträchtigt. Wie bist du damit umgegangen, und inwiefern hat es dein Training vorab eingeschränkt? Gab es auch einen Moment, in dem du dachtest, dass der Traum der Paralympics nun geplatzt sei?
Flora: Genau, ich bin kurz zuvor gestürzt und bin dabei sehr ungünstig auf meinen Nacken gefallen. Damit habe ich tatsächlich auch immer noch Probleme. Zum Glück hatte ich eine sehr gute medizinische Betreuung und so die Möglichkeit, sehr schnell Hilfe und Physio zu bekommen. Das hat etwas geholfen, aber wir haben hier leider nun mal auch einen Sport, der sehr Nacken-betont ist. Also es lässt sich ja nicht vermeiden, bei jedem Schuss den Kopf zu drehen. Das war am Anfang schon wirklich schlimm. Wenn ich auf die EM zurückblicke, habe ich beispielsweise kurz vor der Qualifikation noch geweint, weil ich gar nicht wusste, wie ich das mit solchen Schmerzen durchstehen sollte. Dazu muss ich sagen, dass ich medizinisch freigegeben war, also ich durfte das alles machen, und gerade wenn im Wettkampf das Adrenalin dazu kommt, habe ich sowieso schon fast gar nicht mehr gemerkt.
Der Treppensturz an sich war schon sehr erschreckend. Am Anfang habe ich gar nicht gemerkt, dass ich als Folge des Sturzes auch stark blutete. Ich war spät dran und bin an einer Treppe mit meiner Prothese hängen geblieben und runtergefallen. Es ist halt kein echtes Bein, und wenn man hängen bleibt und es nicht schnell genug merkt, dann tritt man ins Leere – dadurch bin ich gefallen. Ich bin dann aber erstmal zur Chorprobe gefahren und habe mich schon gewundert, warum die Leute auf den Straßen mich komisch anschauten. Erst als ich beim Chor ankam und im verspiegelten Fahrstuhl stand, habe ich gemerkt, wie heftig der Sturz eigentlich war, als ich das ganze Blut sah. Das mit dem Nacken habe ich erst so richtig nach zwei, drei Tagen gemerkt. Damit ging auch die Realisation einher, dass das etwas sein könnte, womit ich länger zu tun haben könnte. Trotz allem gab es nie den Moment, an dem ich dachte: „Das war’s jetzt“, sondern vielmehr dachte ich immer, dass ich es mir jetzt trotzdem ermögliche, trotz des Sturzes, an den großen internationalen Wettkämpfen teilzunehmen. Für mich war es eher ein Weckruf, im Alltag besser aufzupassen: „Flora, es ist toll, dass du laufen kannst – aber lauf vielleicht ein bisschen langsamer und vorsichtiger.“
Natürlich hat es aber unterm Strich die Vorbereitung sehr viel schwerer und schmerzhafter gemacht, als sie hätte sein müssen, und ich konnte auch weniger trainieren. Trotzdem bin ich froh, dass am Ende alles noch hingehauen hat. Ich hätte mir bei dem Sturz auch den Arm brechen können, und dann wäre es wahrscheinlich ganz vorbei gewesen.
Sag mal, wie ist eigentlich deine Meinung dazu, dass die Paralympics viel weniger Medienpräsenz hatten? Wir konnten dich beispielsweise leider nicht in einem Livestream mit Bild verfolgen, so wie es bei den Olympischen Spielen im Bogensport der Fall war.
Flora: Es ist schmerzhaft, wenn man herausfindet, dass es eine der wenigen Sportarten ist, die nicht übertragen wird. Das vermittelt einem einfach das Gefühl, dass man nicht wichtig genug ist. Außerdem war es eine Entscheidung des deutschen Fernsehens. Es gab die Möglichkeit, auf die Livestream-Übertragung beim Bogensport zuzugreifen. Man hätte man ja auch ohne Kommentar ausstrahlen können, aber an sich gab es Livestreams. Diese Ausrede des ZDF, dass es bei den Paralympics nicht genügend Fernsehsignale gibt, ist einfach schlecht. Freundinnen von mir konnten über VPN-Verbindungen auf den Stream zugreifen, und gleichzeitig gibt es sogar eine Übertragung auf YouTube, die aber in Deutschland gesperrt wird, da ARD und ZDF die Medienrechte haben und nicht wollen, dass Leute Parallelprogramme gucken. Das hat mich schon geärgert!
Es gab aber auch Athleten, die noch mehr Pech hatten. Zum Beispiel beim Fechten, wo Maurice Schmidt Gold für Deutschland gewonnen hat – sogar das wurde nicht übertragen. Das ist einfach peinlich, wenn Athleten um eine Medaille kämpfen und das im eigenen Land nicht live übertragen wird. Da muss sich schon noch viel tun. Um aber andererseits eine positive Kurve zu kriegen: Es hat sich bereits sehr viel getan, gerade was die Medienaufmerksamkeit angeht. Im Vorfeld bei den Interviews, die ja nicht an mir, als einziger Starterin im Parabogensport, vorbei gingen. Da war schon wirklich viel Interesse, und es wurde auch viel berichtet. Ich hoffe und denke, dass es sich in den nächsten Jahren noch weiter verstärken wird. Vielleicht braucht es einfach noch etwas, aber es gibt ja schon deutlich mehr Aufmerksamkeit als vor vier Jahren. Daher muss man sehen, dass man auf einem Weg ist, aber der Weg noch nicht zu Ende ist.
Kannst du uns ein wenig über Qualifikation für die Paralympics erzählen? Du sagtest im Vorfeld bereits, dass es doch auch etwas überraschend für dich kam.
Flora: Es war sehr überraschend, gerade auch, weil ich erst kurz vorher die Amputation (im Mai 2023) hatte. Ich selbst habe ja erst zweieinhalb Wochen vor meiner Amputation erfahren, dass wirklich so schnell amputiert wird, und ich habe dann doch recht schnell gedacht, dass es sich somit mit einer Chance auf die Paralympics erledigt hat. Gesundheit ging an der Stelle einfach vor. Dann wurde ich aber von Jule [Lammers] darauf aufmerksam gemacht, dass ich noch auf der Startliste für die EM 2023 stehe, was mich schon gewundert hat. Auf meine Nachfrage beim Verband sagte man mir, dass man mich schon angemeldet hatte, bevor das alles mit der Amputation klar war. Man fragte mich aber, ob ich dennoch starten wolle, und tatsächlich bin ich dann drei Monate nach der Amputation zur EM gefahren. Dort habe ich dann eine wirklich schlechte Qualifikation geschossen, was aber ehrlicherweise nicht weiter überraschend war, denn ich wechselte gerade mal zwei Wochen zuvor vom sitzenden ins stehende Schießen.
Neben der EM wurde dort dann auch noch ein Quotenplatzturnier ausgetragen, bei dem ich ebenfalls an den Start ging, getreu dem Motto: „Ich habe nichts zu verlieren“ – und tatsächlich habe ich dort sogar gewonnen! Mehrere Matches liefen einfach gut, mein Selbstbewusstsein stieg mit jedem Sieg, und am Ende vom Tag hatte ich den Platz für Paris geholt.
Gab es im Para-Nationalkader dann auch nochmal interne Ausscheidungswettkämpfe, wer für den Platz nominiert und in Paris starten wird?
Flora: Jule hätte den Platz natürlich auch gerne gehabt. Es gibt allerdings eine internationale Norm, die man erreichen muss, welche sie leider auf keinem internationalen Wettkampf geschossen hat. Dadurch gab es gar kein Ausschießen mehr, weil niemand außer mir aus Deutschland startberechtigt gewesen wäre. Neben der internationalen Norm gibt es auch eine nationale Norm, die noch mal etwas höher ist. Diese hatte ich glücklicherweise auch schon erzielt. Dann war recht schnell klar, dass ich fahre. Natürlich wartet man noch die offizielle Nominierung ab, aber man wusste schon, in welche Richtung es geht.
Würdest du sagen, du wurdest ausreichend gefördert für die Paralympics?
Flora: Ich muss sagen, dass ich bisher sehr, sehr gut gefördert wurde. Bereits in den letzten Jahren habe ich viel Unterstützung bekommen, vor allem in finanzieller Hinsicht. Zuerst über den Landeskader, dann über den Bundeskader. Allerdings muss ich zugeben, dass ich jetzt gerade nicht weiß, wie es weiter geht, weil es in Paris nur Platz neun wurde – und eigentlich bekommt man nur bis zum maximal achten Platz in den nächsten Jahren weiterhin finanzielle Förderung. Das ist schon etwas bitter, gerade auch, dass es an einem einzigen Platz und einem einzigen Wettkampf hängt. Dieses Risiko bringt das K.O.-System der Matchrunden im Bogensport einfach mit sich, dass man jederzeit raus sein kann.
Konntest du denn vorab beispielsweise auch mit einem Mentaltrainer arbeiten?
Flora: Also ich habe jetzt einen Mentaltrainer. Und auch an den Olympiastützpunkten habe ich die gleichen Möglichkeiten, wie auch Nicht-Para-Athleten, von einem Mentaltrainer Gebrauch zu machen. Da wurde schon viel angeglichen in den letzten Jahren, was die Förderung betrifft. Ein großer Nachteil ist aber zum Beispiel, dass viele Nationalkaderschützen bei der Bundeswehr oder Bundespolizei in den Sportförderprogrammen sind, und so was gibt es für uns Paraschützen nicht so wirklich. Es gibt zwar ein paar Äquivalente, die ähnliche Summen auszahlen wollen, aber die Beträge sind einfach geringer, man hat keinen sicheren Job. Und wenn es dann eben „nur“ Platz neun wird, und die Förderung eventuell wegfällt, dann fehlt einem massiv die Sicherheit im Parasport, die im olympischen Bereich viel mehr da ist. Ich muss aber dazu sagen, dass mich dieser Punkt mit einer Sportförderstelle weniger betrifft, da ich nebenbei studiere, aber trotzdem ist es ein wichtiger Gedanke.
Und wie sieht es mit der Beschaffung und Förderung beim Material aus?
Flora: Auch hier weiß ich, dass es nicht überall im Parabogensport so gut funktioniert, aber ich wurde sehr unterstützt, was die Beschaffung des Materials angeht. Der Verband wusste, was ich brauche, und hat die Kosten übernommen. Was dann schon eher zum Problem wird, sind die Hilfsmittel, auf die wir einfach angewiesen sind, die aber teilweise recht teuer sind. Als Beispiel: Vor kurzem durfte ich zum ersten Mal eine Sportprothese testen und mit dieser laufen. So eine würde ich wirklich gerne haben, um joggen gehen zu können, aber eine solche Prothese kostet 20.000 Euro – wer zahlt das?
Und jetzt muss man sich vorstellen, man ist in so einer Sportart unterwegs, wo man auf eine solche Laufprothese angewiesen ist. Da ist ja die finanzielle Einstiegshürde schon so hoch, um überhaupt mal ein Probetraining machen zu können, dass viele Interessierte hier schon abbrechen müssen. Das ist dann alles schon schwieriger.
Liebe Flora, lass uns doch gerne mal noch ein wenig über dich sprechen. Dein Bein wurde erst letztes Jahr amputiert, vorher saßest du im Rollstuhl. Kannst du uns bei diesem Prozess etwas mitnehmen und erklären, wie du überhaupt beim Bogensport gelandet bist?
Flora: Ich habe in der Reha, relativ kurz nach meinem Unfall, das erste Mal Bogenschießen ausprobiert. Gerade nach Verletzungen der Wirbelsäule wird Bogensport ganz oft als Rehamaßnahme genutzt, um die Rückenmuskulatur zu stärken. Ein paar Jahre später bin ich dann nach Göttingen gezogen, wollte mir ein neues Hobby in der neuen Stadt suchen und kam wieder zum Bogenschießen, diesmal dann auch in einem Verein. Kurz nach meinem Unfall vor elf Jahren hat mir ein Arzt schon mal dazu geraten, das Bein amputieren zu lassen – aber ich war gerade erst 15, ich wollte von so was überhaupt nichts hören. Ich war damals noch so naiv, dass ich dachte, wenn alles dran bleibt, wird auch alles wieder gesund. Aber so ist es natürlich nicht. Nachdem Jahre später ein Arzt diese Idee der Amputation aber noch mal erwähnte, habe ich kurzerhand einen Spezialisten in Köln aufgesucht, der nach vielen Untersuchungen auch zu dem Schluss kam, dass es sinnvoll sei zu amputieren – dann ging es auch wirklich ganz schnell mit allem. Dabei ist mir bewusst, wie risikoreich solche Vorgänge sind und dass ich wirklich mehr als nur Glück habe, dass es so gut verheilt ist und funktioniert. Genauso hätte ich auch jetzt mit einem Bein weniger und Phantomschmerzen im Rollstuhl sitzen können. Für mich war die Amputation also die absolut richtige Entscheidung, ich habe auch deutlich weniger Schmerzen als vorher. Dazu kommt, dass die Welt auch leider nicht barrierefrei ist, und ich habe das große Glück, nun noch ein Stückchen selbstständiger leben zu können. Das gibt mir eine unheimliche Lebensqualität zurück.
Was machst du denn eigentlich in deiner Freizeit, wenn du mal nicht an der Schießlinie stehst?
Flora: Ich studiere für das Grundschul-Lehramt – und das auch sehr, sehr gerne! Ich mache es sogar so gerne, dass ich, obwohl ich in einer Universitätsstadt wohne, zu einer anderen Uni fahre und den Weg auf mich nehme, weil der Studiengang hier bei mir leider nicht angeboten wird. Natürlich habe ich auch neben dem Bogensport noch andere Hobbys, die allerdings in den letzten Jahren etwas kürzertreten mussten. So mache ich sehr gerne Musik! Ich singe in einem Chor und spiele auch verschiedenste Instrumente, manche davon besser, manche davon weniger gut.
Ich fand es sehr spannend zu verfolgen, wie du während der Paralympics Menschen auf Social Media mitgenommen hast, um ihnen Einblicke in deinen Alltag als Paralympionikin zu geben. Welche Bedeutung haben soziale Netzwerke für dich, und wie sehr konntest du dadurch zum Beispiel den Support spüren, als du in Paris warst?
Flora: Generell macht es mir Spaß, Dinge in den sozialen Netzwerken zu teilen, das mache ich schon gerne. Und es hat immer den Effekt, dass andere Menschen es sehen und auf Dinge aufmerksam werden, zum Beispiel auch, dass die Paralympics stattgefunden haben. Während der Paralympics haben mir so viele Menschen täglich geschrieben und mich unterstützt, aber ich bin auch immer wieder im Austausch mit Menschen, die ganz „frisch“ amputiert wurden. Und ich finde es toll, anderen zu zeigen, welche Möglichkeiten es gibt und wie gewisse Dinge funktionieren können. Natürlich ist Leistungssport nicht für jeden was, gar keine Frage. Aber alleine die Idee, aufzuzeigen, dass trotz Amputation so ein aktives Leben und solche Ereignisse möglich sind, finde ich irgendwie ganz schön. Natürlich gab es Tage in Paris, an denen ich weniger aktiv war, da ich selbst im Wettkampf war, aber die Unterstützung von Außen war schon enorm.
Extrem mutig empfand ich ein Video, in dem du dich auf einen negativen Kommentar beziehst. Um die Leser kurz abzuholen: Wenige Wochen vor den Paralympics hast du dir eine zweitägige Auszeit am Meer genommen. Das hast du in den sozialen Netzwerken auch gezeigt und geteilt, woraufhin folgender Kommentar kam: „Konzentration auf Olympia!!!“. Was ging dir bei diesem Kommentar durch den Kopf, und was hat dich dazu gebracht, es in einem Video aufzugreifen und zu kontern?
Flora: Eigentlich ist es gar nicht mein Ding, Kommentare so bloßzustellen. Grundsätzlich mag ich das einfach nicht so, weil ich mir denke, vielleicht wusste es die Person nicht besser, oder etwas wurde falsch verstanden. Gerade über Kommunikation per Text geht ja immer viel verloren, und manches liest man dann ganz anders, als es eigentlich gemeint war. In dem Fall habe ich es aber dann aufgegriffen, natürlich auch anonymisiert, um den Leuten auch einfach mal ins Bewusstsein zu rufen, dass man auch noch ein normales Leben hat. Also auch kurz vor den Paralympics muss es möglich sein, sich mal zwei Tage Auszeit als Ausgleich zu nehmen, wenn man es braucht.
Ich finde es schon erstaunlich, wie Menschen manchmal der Meinung sind, dass sie dich kennen, weil sie dich in den sozialen Netzwerken verfolgen. Das ist natürlich nicht der Fall! Ich achte schon sehr auf meine Privatsphäre und zeige definitiv nicht alles aus meinem Leben, aber schon recht viel vom Sport. Nur bei manchen Followern entsteht dann das Gefühl, dass ich immer nur trainiere, wenn ich es zeige und teile, aber im Hintergrund trainiert man ja deutlich mehr. Und wenn dann solche Kommentare kurz vor so einem sportlichen Ereignis kommen, auf das man so hart trainiert, fühlt man sich natürlich irgendwo auch angegriffen. In erster Linie wollte ich es aber einfach einmal richtigstellen.
Und jetzt, wo wir drüber sprechen, muss ich auch sagen, das war schon so eine Sache, die wirklich Druck auf mich ausgeübt hat. Natürlich kann der Kommentar auch lustig gemeint sein, aber meine Freunde haben beispielsweise auch immer gespaßt, dass ich ja „auf jeden Fall mit Edelmetall“ zurückkomme. Und ich weiß, diese Kommentare waren immer lustig und locker gemeint, aber in mir hat es Druck erzeugt.
Meinen absoluten Favoriten der Paralympischen Kommentare möchte ich aber noch teilen: Als ich das erste Mal in Paris trainierte und davon Fotos teilte, hat mir jemand privat geschrieben, wie ich doch besser meinen Rücken positionieren solle, weil das ja dann viel besser so wäre. Und übrigens wäre der Verfasser des Kommentars irgendwo Kreismeister geworden, wie er mir erzählte, und falls ich noch Tipps bräuchte, könne ich mich bei ihm melden. Und als ich das gelesen habe, war das die reinste Mischung aus Fremdscham und der Frage, wie viel Selbstbewusstsein man überhaupt haben kann. Irgendwie gibt es immer wieder Menschen, die denken, Parasport sei nicht so professionell, oder wir wüssten uns nicht selbst zu helfen.
Natürlich ist meine Haltung eine andere, das liegt schlicht und einfach daran, dass ich eine Behinderung habe. Meine Trainer wissen das, kennen diese Haltung, und in manchen Fällen ist es dann einfach beabsichtigt, so zu stehen. Ich muss aber sagen, diesen Kommentar fand ich in erster Linie lustig. Manchmal bleibt einem auch nichts anders übrig, finde ich. Generell bin ich ein Mensch, der natürlich auch mal schlechte Tage hat. Aber ich kann schon recht schnell wieder das Gute sehen und daran festhalten und mich darauf konzentrieren. So ist das schon immer und mit allem, so bin ich einfach.
Wie stehst du denn zu dem Thema Wording? Manchmal wissen Leute ja nicht so richtig, wie sie sich ausdrücken sollen, verwechseln Begriffe oder stolpern einfach darüber.
Flora: Ich finde das erstmal gar nicht schlimm, wenn Leute etwas falsch betiteln. Wenn man so was anspricht, sollte man es auch immer vorsichtig machen, denn es ist gar keine böse Absicht des Gegenübers. Ich muss aber sagen, bei „Olympia“ und den „Paralympics“ hat es mich schon irgendwann genervt, weil die Paralympics einfach eine andere sportliche Veranstaltung sind, es ist nicht das Gleiche. Manchmal gibt es Leute, die es vielleicht auch positiv meinen, wenn sie sagen, dass es für sie das Gleiche ist, aber irgendwo spricht diese Aussage den Paralympics ihre Daseinsberechtigung etwas ab. Es gab auch die Aussage, dass man „extra Olympia sagt, weil es einem genauso viel wert sei“ – aber gerade dann kann man doch einfach von den Paralympics sprechen, das ändert den Wert ja nicht. Manchmal entsteht da so eine Abwertung des Begriffs Paralympics. Ich denke, das ist gar nicht direkt gewollt, wird aber manchmal einfach verschlimmbessert.
Bei den Paralympics haben wir aber eine eigene Eröffnungsfeier, eine eigene Schlussfeier, und wir haben ja auch andere Herausforderungen zu bewältigen. Hier schwingt immer der Gedanke mit, dass die Paralympioniken Barrieren im Alltag haben, dass sie zeigen, was möglich ist, und dass man auch mit Behinderung Leistungssport ausüben kann. Ich wurde kürzlich erst von einer anderen Person, die ebenfalls eine Behinderung hat, gefragt, wie man sich denn bei den Paralympics anmelden kann. Irgendwie kam noch nicht bei allen an, dass auch der Parasport ein Leistungssport sein kann und dass es dort genauso Normen und Qualifikationen gibt, die man erstmal erreichen muss. Da ist dann das Problem nicht das Wording, sondern dass in der Gesellschaft noch nicht angekommen ist, dass wir ebenso Leistungssport machen, der es genauso verdient, beachtet zu werden.
Flora, wie geht es für dich nun weiter? Was sind deine nächsten Ziele, sowohl sportlich als auch privat?
Flora: Ich gehe davon aus, dass ich weiterhin international an Wettkämpfen teilnehmen werde, unabhängig davon, wie es mit der Förderung weitergeht. Nächstes Jahr steht eine Weltrangliste in Bangkok an, es ist EM und auch WM in Korea, wie bei den olympischen Sportlern auch. Wir schießen im Anschluss an deren WM in der gleichen Wettkampfstätte, worauf ich mich schon sehr freue. Dementsprechend liegt der Fokus nun auf der WM. Gleichzeitig versuche ich aber auch, im nächsten Jahr mein Staatsexamen zu machen. Das wird also ein sehr volles und anstrengendes Jahr, aber ich bin guter Dinge, dass alles gut funktionieren wird.
Und wo siehst du dich in vier Jahren? Könntest du dir eine zweite Teilnahme an den Paralympics vorstellen?
Flora: Vorstellen kann ich es mir auf jeden Fall, und wenn ich die Möglichkeit kriege, werde ich sie auch ergreifen! Natürlich ist es von vielen Faktoren abhängig, auch, ob ich es überhaupt nochmal schaffe, mich zu qualifizieren. Vielleicht steht in vier Jahren aber auch mein Referendariat an – aber so wie ich geplant habe, ist das bis dahin abgeschlossen. Ich hoffe also schon, dass ich dann noch mal dabei bin, noch mehr hoffe ich aber, dass ich dann nicht als einzige deutsche Parabogenschützin an den Start gehe.
Liebe Flora, vielen Dank für deine Zeit, die Einblicke und alles Gute!